Umfassende Kapitalisums-Analyse

Mit „Im Bann des Geldes“ will Markus Pühringer zur Überwindung des Kapitalismus Kommunisten mit Geldreformern versöhnen

Im Untertitel verspricht Markus Pühringer nichts geringeres als eine „Anleitung zur Überwindung des Kapitalisums“. Seine Erklärung der Entstehung des Kapitalsimus überzeugt. Seine schon philosophischen Betrachtungen des Ziels von Wirtschaft sind originell und gründlich. Die klare Betrachtung des gegenwärtigen Krisenzustands ist schonungslos. Dass Pühringer, obwohl er sich in der Kapitalismus-Kritik vor allem auf Karl Marx bezieht, zuletzt als wichtigste strukturelle Maßnahme zur Überwindung der Krise die Einführung von Gesell'schem Freigeld vorschlägt, bei ihm Geldsteuer genannt, hebt sein Buch aus der Masse der Euro- und Kapitalismus-Krisen-Literatur heraus und lässt einige analytische Schwächen verzeihen.

Das oberste Ziel des Kapitalismus sei: „Wir sollen uns individuell und kollektiv so verhalten, dass die Summe der Tauschwerte, also unser Wohlstand, maximiert wird. Dem gegenüber stellt er ein Konzept vom „Guten Leben“ (S. 26 ff). Die Frage was ein gutes Leben ist und wie man es erreicht berühre „Kernfragen der menschlichen Existenz, die die Menschheit schon seit Tausenden Jahren begleiten“. Einen frühen Beleg für die Beschäftigung mit dem guten Leben findet er bei Aristoteles. Dieser unterschied im menschlichen Leben sowohl das Tätigsein als auch das Nicht-Tätigsein in verzweckte und zweckfreie Bereiche und bezeichnete den zweckfreien Teil als Muße. Diese, im Gegensatz zum verzweckten Nichttätigsein, also der Freizeit als Erholung von der Arbeit, stellte im klassischen Griechenland das eigentliche Leben dar. „Die Muße [...] scheint Lust, wahres Glück und seliges Leben in sich selbst zu tragen.“ (Aristoteles nach Pühringer, S. 35).

Es folgen Exkurse in die Neurobiologie und die humanistische Psychologie. Erkenntnisse daraus legten nahe, dass Menschen absolut soziale Wesen seien - so weit, dass ohne Anerkennung offensichtlich der Lebenswille versiege (S. 39). Dieses Bedürfnis nach Anerkennung habe aber dazu geführt, dass die meisten Menschen „außere Werte übernommen“ haben und diese „mittlerweile als ihre eigenen [betrachten]“ (S. 47). Konkret seien dies Werte des Kapitalismus und der protestantischen Arbeitsethik, die der wichtigsten Rahmenbedingung für ein gutes Leben entgegenstünden: den „zweckfreien Lebensräumen und Lebenszeiten“ (S. 50).

Der Kapitalismus ist für Pühringer, angelehnt an Wallerstein, ein „System, in dem die endlose Akkumulation von Kapital höchste Prioriät besitzt“ (S. 55). Im Gegensatz zum Kapitalismus habe es im Feudalismus schlicht keine Möglichkeit gegeben, „die Überschüsse gewinnbringend anzulegen“.

 

Ein reicher Feudalherr konnte seine Getreidespeicher auffüllen, größere Lager anlegen, Schmuck sammeln und vieles andere mehr. Sein Reichtum wurde dadurch aber nicht mehr: Im Gegenteil musste er damit rechnen, dass Lebensmittel verderben, Geräte altern, er ausgeraubt wird oder seine Gebäude mit der Zeit an Wert verlieren.

 

Zwar habe es auch in dieser von Selbstversorgung (Subsistenzwirtschaft) dominierten Zeit Geld gegeben, doch wegen des kirchlichen Zinsverbots sei es kaum möglich gewesen, dieses gewinnbringend weiterzuverleihen. Erst mit der zunehmenden Akzeptanz von Geldgeschäften, mit den daraus resultierenden Gewinnen, sei der Kapitalismus entstanden und habe wiederum die Gesellschaft nach seiner Logik massiv verändert. Bei den im Kapitalismus für den Kredit berechneten Zinsen unterscheidet Pühringer verschiedene Anteile, in der Tradition eines „der einflussreichsten Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin (1225 - 1274). Gerechtfertigt sind demnach eine Versicherungsprämie und ein Vermittlungsentgelt, nicht jedoch ein weiterer Zinsbestandteil, den Pühringer als Reichtumsprämie bezeichnet. Gesell-Leser erkennen hier sofort den Urzins wieder (vgl. NWO, Kapitel 5.2). Während die Versicherungsprämie lediglich eine Risikostreuung für Geldverleiher bedeute und nach dem zu erwartenden Ausfall einiger Kredite kein Gewinn daraus entstünde, sowie das Vermittlungsentgelt lediglich einen Lohn für erbrachte Arbeit darstelle, würden durch die Reichtumsprämie die Besitzer von Geldvermögen ohne eigene Leistung reicher: „für den Zins arbeiten andere“ (S. 85). Manche Ökonomen rechtfertigen den Zins mit dem Verlustrisiko, betrachten also in erster Linie die Versicherungsprämie und leugnen die Existenz der Reichtumsprämie. Pühringer gelingt ein schöner Vergleich (auf S. 99f), um die Existenz dieser Prämie zu veranschaulichen:

 

Die Veranstaltung des Kapitalismus gleicht einem wunderbaren Casino. In einem normalen Casino ist der Erwartungswert eines Spielers unter Null: wenn er Jetons auf Roulette (oder in andere Spiele) setzt, so wird er im Durchschnitt niemals mehr herausbekommen als er einsetzt. Freilich kann ein Einzelner Glück haben, aber die Gesamtheit der Spieler wird à la longue verlieren. Ihr Verlust ist das Einkommen des Casinobetreibers. Im kapitalistischen Casino ist das anders: Da hat sich ein positiver Erwartungswert gebildet. Für die Gesamtheit der Spieler (= Kapitalisten) gilt, dass sie ihr Kapital um ein paar Prozent vermehren. Der Erwartungswert verändert sich mit den Jahren, aber mittlerweile haben die Kapitalisten schon seit Jahrhunderten die Erfahrung gemacht, dass der Erwartungswert in aller Regel über Null liegt.

 

Durch diese Logik des Kapitalismus habe sich eine Tragik entwickelt: ein „systematischer Anreiz, das ‚gute Leben‘ aus dem ‚Hier und Jetzt‘ hinauszuschieben“ (S. 123). Der Anreiz besteht darin, dass sich jedes nicht verkonsumierte Geld in Zukunft durch die Reichtumsprämie potenziell vervielfachen kann. Die Tragik hingegen ist, dass wir „nur im Heute und niemals im Morgen“ leben.

Pühringer stellt weiterhin dar, wie die Logik des Kapitalismus einen massiven Wertewandel herbeiführte: Verzicht wurde gut (S. 124 ff), der Kapitalismus die neue Religion (S. 128) und die Arbeit heilig gesprochen (S. 130 ff). Nebenbei habe der Kapitalismus eine veränderte Wahrnehmung der Zeit verursacht: denn nur die Reichtumsprämie im Zins ist von der Zeit abhängig, macht „im wahrsten Sinne des Wortes Zeit zu Geld“. (173). So begünstigte sie exakt gemessene Arbeitszeiten und damit den Übergang vom kirchlichen 12-Stunden-Tag, der immer von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang dauerte und somit im Jahresverlauf sehr unterschiedlich lang war, zur heute überwiegend verwendeten „Kaufmannszeit“ (S. 172).

In seiner Analyse der Umverteilung von Arbeit zu Kapital unterscheidet sich Pühringer nicht besonders von Autoren wie Silvio Gesell, Helmut Creutz oder Margrit Kennedy. Besonders erscheint aus deutscher Sicht zuweilen die österreichische Perspektive. Ein Österreicher aus dem reichsten Bevölkerungsprozent habe ein durchschnittliches Vermögen von ca. 5,4 Millionen Euro. Nach einer Studie der Credit Suiss (2013) betrug die reale Rendite für Aktien im Zeitraum von 1900 bis 2013 jährlich im globalen Schnitt 4,1 Prozent. Somit beziehe „das reichste Prozent der Bevölkerung jedes Jahr ein leistungsloses Einkommen von 220.703 Euro“ - wohingegen das Netto-Medianeinkommen in Österreich ca 18.000 Euro betrage. (S. 189). Püringer folgert (S. 191):

 

Langfristig wird die Ungleichheit zunehmen. Revolten, Krisen und Zusammenbrüche sind vorprogrammiert.

 

Im fünften Kapitel betrachtet Pühringer ausführlich verschiedene Entfremdungen im Kapitalsmus: in der Produktionssphäre, in der Zirkulationssphäre und in der „sogenannten Freizeit“. Zuletzt greift er hier auf die von Karl Marx eingeführte Metapher der „Charaktermasken“ zurück: „Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Waren und daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten.“ (S. 227)

„In einer Welt, in der die meisten Produkte nur mehr mit Geld zu bekommen sind, müssen Menschen zumindest zeitweise in die kapitalistische Produktionswelt eintauchen.“ (S. 211) Pühringer betont das zeitweise, denn hier sieht er auf der persönlichen Ebene einen Ausweg aus dem „Imperativ der Kapital- und Wertvermehrung“. Er zitiert Marianne Gronemeyer (2008) mit „Jeder Penny, den wir nicht brauchen, bedeutet einen Gewinn an Freiheit.“ (S. 215). Statt acht Stunden oder mehr am Tag mit entfremdeter Erwerbsarbeit zu verbringen, könnten wir diese auf ein Minimum reduzieren und in der ‚gewonnenen‘ Zeit „Gedichte schreiben, meditieren, Lieder singen, Kuchen backen“... (S. 213).

In Kapitel sechs zeichnet Pühringer die „systemische Krise des Kapitalismus“ vor allem von den 1950er Jahren bis heute nach. Etwas fragwürdig ist hier das Konzept vom „wahren Wert“ und darüber hinausschießenden Blasenpreisen bzw. „realem“ und „fiktivem“ Kapital (S. 251). Bemerkenswert ist, dass der Autor den unvermeidlichen Niedergang des Kapitalismus nicht wie manch anderer nur als Bedrohung, sondern als Chance für den Beginn eines neuen Zeitalters betrachtet (S. 307).

Systemisch liegt der Schlüssel zur Überwindung des Kapitalismus (Kapitel 7) für Pühringer, wie nach den Übereinstimmungen bei der Analyse zu erwarten, ähnlich wie bei Silvio Gesell im Abschaffen der Reichtumsprämie durch geeignete Maßnahmen am „Kommunikationsmittel Geld“ (S. 22) selbst. Er bezieht sich explizit auf Gesell und das Wunder von Wörgl (S. 329), wenn er die Einführung einer Geldsteuer fordert. Leider bleibt dieser Teil des Buches schwach, da er nicht zwischen Geld und Geldvermögen zu unterscheiden scheint (S. 326) und außerdem die freiwirtschaftliche Forderung nach einer Bodenreform (Freiland) mit einem einzigen äußerst schwachen Argument abtut. Gesell selbst wird nicht zitiert und kann höchstens oberflächlich gelesen worden sein - sonst könnte dem Autor nicht entgangen sein, dass die „freiwirtschaftliche Literatur“ (S. 330) ebenfalls nur den Urzins und nicht jeglichen Zins abschaffen will. Entsprechend wirken auch seine Antworten auf mögliche Einwände gegen die „Geldsteuer“ weniger fundiert als das, was zum Beispiel auf INWO.de unter „Häufig gestellte Fragen“ (FAQs) zu finden ist.

Das Anknüpfen an Klassiker Klassiker wie Aristoteles und Marx sowie die Verbindung mit den Erkenntnissen moderner Psychologie und Biologie sind besondere Stärken von „Im Bann des Geldes“, ebenso wie die Hinweise auf persönliche Handlungsoptionen. Der ausgesprochene Wunsch, die mit der marxistischen Theorie verbundene „Wertkritik“ mit der „Zinskritik“ der Freiwirtschaft zu versöhnen, indem der Marx'sche Mehrwert (abzüglich des Unternehmer-Arbeitslohns) als „ident mit dem leistungslosen Zinsanteil“ (S. 329) betrachtet wird, lässt hoffen, dass in naher Zukunft breitere und stärkere Allianzen verschiedener kapitalismuskritischer „Denkschulen“ möglich werden.

 

Vlado Plaga, 19.11.2013

 

Das Buch: Markus Pühringer, Im Bann des Geldes